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Gelenke und Passteile

 

Der Oberschenkel

Die Oberschenkelamputation sollte nur durchgeführt werden, wenn sichergestellt ist, dass eine niedrigere Amputationsart nicht in Frage kommt. Da der Oberschenkelstumpf endständig nicht belastbar ist, weil der Knochen glatt abgesägt wird, muss der Stumpf im Normalfall über den Beckenknochen (Sitzbein) entlastet werden. Dieses Aufsitzen des Sitzbeinknochens auf einem mehr oder weniger harten Schaft ist für die Haut gewöhnungsbedürftig. Aufgrund der relativ vielen Weichteile am Oberschenkel muss der Oberschenkelstumpf in den Schaft eingezogen werden. Dies bereitet besonders älteren Patienten große Probleme, weil es im Stehen erfolgen muss. Einziehhilfen wie das Quickfix erleichtern diesen Prozess. Es handelt sich hierbei um eine Anziehhilfe aus Fallschirmspringerseide, die erheblich leichter durch den Prothesenschaft zu ziehen geht als gewöhnliche Schlauchbinden.


 

 

 

Bevor mit der Versorgung bei einem frisch Amputierten begonnen wird, sollte der Stumpf einige Tage komprimiert werden. Dies kann über einen Kompressionsstrumpf oder durch Wickeln des Stumpfes geschehen. Der Strumpf, wie auch die Wicklung, sollte am Becken gegen Abrutschen gesichert werden.

Interimsversorgung

Ist die Kompressionsbehandlung erfolgreich durchgeführt worden, sollte bei normaler Wundheilung spätestens 3 Wochen nach der Amputation eine Interimsversorgung vorgenommen werden. Die Interimsversorgung ist eine vorübergehende Versorgung für etwa 6 Monate, in dieser Zeit soll der Stumpf gefestigt und geformt werden. Während der Tragedauer sollte der Schaft immer wieder dem an Volumen abnehmenden Stumpf angepasst werden. Die Interimsprothese ist nicht kosmetisch verkleidet und stellt somit eine für den Kostenträger kostengünstige Versorgung dar. Während der Tragedauer können Knie- und Fußpassteile ausgetauscht und die günstigste Zusammenstellung für die endgültige Versorgung ermittelt werden.

Endgültige Versorgung

Bei der endgültigen Versorgung sollte die günstigste Zusammenstellung der Passteile fest stehen. Der Prothesenschaft besteht heute in der Regel aus einem Karboncontainer und einem flexiblen Innenschaft mit hoher Haftreibung. Diese Haftreibung ist wichtig, denn sie gewährleistet das Haften des Schafts am Stumpf gemeinsam mit dem am Schaftboden befindlichen Ventil, welches für die Saugwirkung verantwortlich ist.


 

 

 

 

Für die Einbettung des Stumpfes gibt es zwei Schaftformen:

1. Die querovale Schaftform

Hierbei sitzt das Sitzbein auf dem Schaftrand auf. Über diesen Punkt wird ein großer Teil des Körpergewichtes abgefangen. Der Stumpf wird von allen Seiten (auch am Schaftboden) vom Schaft umschlossen und gleichmäßig komprimiert. Damit der Amputierte nicht von der Tuberbank, auf der er sitzt, abrutscht und in den Schaft hinein gleitet, ist am vorderen Rand des Schaftes eine Druckpelotte untergebracht; leider dort, wo die meisten Gefäße liegen. Der Druck sollte wohl dosiert sein. Aufgrund der Druckverhältnisse im Schaft ergibt sich eine querovale Schaftform.

Die seitliche Fixierung des Schaftes am Stumpf erfolgt einzig und allein über die Weichteile. Während des Schrittes versucht der Schaft nach außen abzuwandern. Um dies zu verhindern, muss sich der Amputierte über der Prothesen ausbalancieren. Der humpelnde Gang ist daher einprogrammiert.


 

 

 

 

2. Die längsovale Schaftform (CAT-CAM)

Diese Schaftform bewirkt kein Aufsitzen auf dem Sitzbein. Das Körpergewicht wird von der gesamten Stumpfoberfläche getragen. Das Volumen des Schaftes muss daher exakt mit dem des Stumpfes übereinstimmen. Durch die längsovale Komprimierung des Stumpfes wird der seitliche Halt verstärkt. Das Sitzbein wird vom Prothesenschaft umschlossen. Hier findet eine knöcherne Verriegelung statt; der Schaft kann nicht mehr nach außen abwandern. So ist bei dieser Schaftform die Kontrolle über die Prothesen besser. Auch ist, da die Frontalpelotte nicht benötigt wird, die Durchblutung des Stumpfes ungehindert möglich. Nach unserer Ansicht ist die längsovale Einbettung ganz klar die bessere Versorgung und für AVK Patienten zwingend notwendig.


 

 

 

 

3. Der MAS-Schaft

Der sitzbeinumgreifende Schaft gilt aufgrund seiner funktionellen und biomechanischen Eigenschaften als vorteilhaft in der Versorgung Amputierter. Marlo Ortiz entwickelte diesen in den letzten Jahren zum so genannten MAS-Schaft (Marlo Anatomical Socket) weiter. Das MAS-Schaftdesign wird als innovative Technologie beschrieben, die dem Patienten eine bessere Steuerung der Prothese, höhere Bewegungsfreiheit im Hüftgelenk und nicht zuletzt eine vorteilhafte kosmetische Gestaltung ermöglicht. 

Diese abgewandelte Technik kombiniert die Berücksichtigung individueller anatomischer Formen mit hoher Funktionalität und Passgenauigkeit des Schaftes mit gleichzeitiger geringer Einschränkung der Beweglichkeit des Stumpfes aus dem Hüftgelenk heraus.  

Welche Vorteile bietet das alles nun für den Anwender? 

Fest steht, dass sich die Bewegungsfreiheit mit dem M.A.S. Schaft enorm verbessert, auch wenn die artistischen Verrenkungen, mit denen Marlo Ortiz seine Probanden gerne werbewirksam posieren lässt, für den Alltag nicht ganz so wichtig sind. Relevanter ist zum Beispiel, dass das Zubinden der Schnürsenkel auch bei angezogener Prothese zum Kinderspiel wird. Schiefes und unbequemes Sitzen, einerlei ob im Büro, bei langen Autofahrten oder auf dem Barhocker, ist endlich passé, weil die Pobacke volle Tuchfühlung hat und der Schaftrand nicht mehr drückt.  Der Schaft kommt beim Fahrrad fahren nicht mehr mit dem Sattel ins Gehege. Sogar auf einen Liner kann verzichtet werden, weil sich der M.A.S. Schaft selbst bei langen und schweißtreibenden Fahrradtouren nicht lockert. Als Material für den Innenschaft kommt momentan hochtemperaturvernetztes Silikon (HTV) zum Einsatz; eine Linerversorgung ist aber ebenso möglich, wie sich wohl prinzipiell auch ein M.A.S. Schaft aus Holz fertigen ließe. Die für Marlo Ortiz besonders wichtigen Aspekte – der Schaft soll sich unter enger Kleidung weniger abzeichnen –, ist sicher auch ein wichtiger kosmetischer Effekt.

 


 

Fertigungstechnik

Abdrücke zur Herstellung von Oberschenkelprothesen wurden bis vor wenigen Jahren ausschließlich nach Gipsabdruck hergestellt. Auch hier hat der Computer Einzug gehalten. Das Volumen des Stumpfes wird präzise berechnet und auf eine CNC-Fräse übertragen, die das passende Modell exakt ausfräst. Der Prothesenschaft wird allerdings noch von Hand gefertigt. Die modernen Verfahren können mit Sicherheit nicht den erfahrenen Techniker ersetzen; sie sorgen aber bei hoher Genauigkeit für erheblich kürzere Fertigungszeiten.


Silikon

Silikon-Liner können unter bestimmten Voraussetzungen auch im Oberschenkelbereich zur Schafteinbettung verwendet werden. Die Technik ist derjenigen in der Unterschenkelprothetik sehr ähnlich.


 

 

 

 

Im hier dokumentierten Fall ging es um einen 8 cm langen linken Oberschenkelstumpf, der extrem mit Narben versehen war. Ein Saugschaft herkömmlicher Art schien aufgrund der Narben und der Kürze des Stumpfes keine Erfolg versprechende Lösung zu sein. Wir entschlossen uns daher für die Silikontechnik. Da dem Patienten auch noch der gesamte linke Arm fehlte, stellte das Aufrollen des Liners ein großes Problem dar - es war im Vorfeld der Versorgung viel Übung erforderlich.


 

 

 

Für die Verriegelung des Silikonstrumpfes verwendeten wir einen Kordeleinzug, der in den unteren Teil des Sillikonliners eingeschraubt wird.

Diese Versorgungslösung befähigt den Amputierten, sich aus seinem Rollstuhl zu erheben und zu laufen. Die Führung der Prothese ist aufgrund der Kürze des Stumpfes allerdings entsprechend gering.


 

 

 

 

Ein anderes Beispiel: Schwere Verbrennungen am Oberschenkelstumpf veranlassten uns, einen jungen Mann mit einem Silikonhaftschaftsystem zu versorgen. Es handelt sich um einen maßgefertigten 3-S-Liner. Der Silikonstrumpf schont das überaus empfindliche Narbengewebe und gewährleistet ausreichende Haftung.

 

 

 

 

 

Motorradfahrer, die eine Prothese tragen finden auf den Seiten www.mikes-trikes.de Interessantes über Trikes.